Sonntag, 1. Januar 2012

#105

"5, 4, 3, 2, 1 - Frohes neues Jahr." - "Happy new year!" - "Alles gute für 2012!"
Mir laufen Tränen über und über, Marc hält mich mitleidig im Arm. Ich kann nicht aufhören zu schluchzen. Alle beglückwünschen sich, alle sind gut drauf, bei ihren Freunden. Ich bin so egoistisch und ziehe meine Besten in meine Probleme rein. Plötzlich bist du da, dein Gesicht ist schmerzverzerrt, deine Augen schauen mich traurig an. Eigentlich sollte es so sein, dass wir unseren Silvesterkuss genau jetzt schenken. "Komm mal her, komm schon." In deinem Arm zu liegen macht es nicht besser oder leichter, weil du es bist, wegen wem ich weine. Ich habe Angst plötzlich zusammen zu brechen, denn meine Beine sind wacklig. Meine Augen brennen fürchterlich. Ich kann nichts genießen, nichts von dem Feuerwerk bis meine Beine mich wieder nach drinnen führen. Juli und Marc folgen mir. Erschöpft setze ich mich auf den Hocker in der Küche. "Könnt ihr bitte wieder nach draußen gehen? Silvester soll nicht wegen mir ins Wasser fallen." Ha, ins Wasser fallen. Was für ein Wortwitz. Widerwillig gehen sie wieder nach draußen. Unschlüssig was ich mit mir anstellen soll, laufe ich dir Treppen rauf, schmeiße mich in mein Bett und rolle mich in eine Ecke zusammen. Mein Schluchzen ist zu laut, meine Tränen sind zu nass. Ich bin müde, wälze mich hin und her. Meine Unruhe lässt mich nicht einschlafen. Beim Aufstehen gerät mein Blick nach draußen. Alle lachen, freuen sich, jagen Böller und Raketen hoch. Ich beneide sie, beneide jeden Einzelnen. Meine Mädels und ich wollten uns mit unseren hammerharten Knallerbsen einen Spaß machen ...
Erneut gehe ich nach unten und fange an aufzuräumen. Teller in Spülmaschine legen, Papierschlangen aufheben, Geschirr aufwaschen, Flaschen einsammeln. Vielleicht habe ich morgen früh dann umso weniger zu tun. Ein Kumpel kommt und fragt, ob man mir helfen kann. Keiner soll sehen, wie tränenüberlaufen ich aussehe, der Blick immer gen Boden. Ich schüttel den Kopf und lache auf, doch er achtet nicht auf meine Reaktion. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Bereits seit über zwei Stunden. Der Alkohol wirkte nicht, darum muss ich mich anderweit beschäftigen. Langsam trudeln alle wieder ein. Eine Freundin schaut mich entgeistert an: "Das ist nicht dein Ernst?" - "Lass mich in Ruhe.", gifte ich sie an. Dich sehe ich aus dem Augenwinkel am Türrahmen stehen, mich beobachtend. Doch ich beachte dich nicht. Weine still für mich weiter und putze demütigend den Boden. Ich rappel mich auf und du kommst auf mich zu: "Ich mach jetzt los ..." Irgendwo trifft es mich in mein Herz. Ich will nicht, dass du gehst. "Jetzt schon?" Du nickst. Ich senke den Blick. "Ich wollte dir nicht den Abend versauen." - "Ich hab noch was für dich." Du nimmst mich bei der Hand und führst mich zu deinem Rucksack. Eine kleine grüne Dose wird mir in die Hand gedrückt in welcher sich Gummibärchen verstecken. "Danke ... eigentlich habe ich auch noch was für dich. Wir gehen die Treppe hoch in mein Zimmer. Marc sieht uns misstrauisch nach. "Hier", schnell gebe ich dir zwei kleine süße Marzipanschweinchen. Du begutachtest es liebevoll: "Danke." Eine Träne läuft still deine Wange herunter. Verzweifelt sehe ich dich an bis auch mir ein Salztropfen herunterkullert. "Nein, nein, nein. Ich will doch nicht, dass du weinst. Hör auf ..." Hilflos versuche ich sie wegzuwischen. "Wenn ich weine ist das normal, bei dir aber nicht. Bitte wein nicht mehr." Du seufzt kurz, sagst aber nichts dazu. "Tina ... es tut mir Leid. Es stimmt ja alles, was du gesagt hast ... ich weiß nicht, wieso ich dir nicht zeigen kann, wie sehr ich dich liebe. Aber ich liebe dich! Ich liebe dich, dass musst du mir glauben. Ich werde mich ändern. Ich verändere mich! Ich versprech es dir! Ich wüsste nicht mehr, was ohne dich wäre. Ich kann mir ein Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen! Du musst mir das glauben." Ich nicke stumm und müde. "Eine Woche, okay? Eine Woche Pause. Ich muss mir erstmal meinen Gefühlen bewusst werden..." Du schüttelst den Kopf. "Können wir wenigstens schreiben?" Ich weiß keine Antwort. "Man, wie soll ich nur ohne dich? Mit wem soll ich denn dann stundenlang reden?" Ich lächle. Deine Hände umschließen meine. Ich bin unschlüssig, was zu tun ist. Schon wieder ziehst du mich in deinen Bann, in den Bann deiner mit heißer Luft gefüllten Versprechen. Und der Gedanke, Was wäre, wenn er sich wirklich ändert?, lässt mich nicht los. Erneut stiehlt sich eine Träne in dein Gesicht. Behutsam wische ich sie weg. "Weine nicht mehr, bitte." Dein hoffnungsloser Blick ist unerträglich. Meine Hände winden sich aus deinen und umschließen dein Gesicht bis meine Lippen sich auf deine legen. Sofort drückst du meinen Körper näher zu dir. Wieder siehst du mich an. Ich lasse von dir ab und mich erschöpft auf das Bett fallen. Meine Hände interessieren mich plötzlich unheimlich. Du setzt dich neben mich. Ich rücke näher ran, dein Arm legt sich um mich und wir fallen rücklings nach hinten. Kurz lachen wir auf. "Mit wem sollte ich denn dann sowas machen ...?" Du lächelst. "Und wir hatten noch so viel vor. Wir wollten nächstes Jahr mit dem Riesenrad fahren auf dem Weihnachtsmarkt. Und eine Deutschlandtour wollten wir auch mal machen." Ich atme schwer und kuschel mich an dich ran. "Weißt du, was mein guter Vorsatz für dieses Jahr ist? Dass alles perfekt wird zwischen uns. Dass wir nicht mehr in solche Situationen geraten."

Es tut weh alles noch einmal zu erleben, wenn man es aufschreibt. Eine Woche Pause. Eine Woche dich nicht mehr spüren. Eine Woche Klarheit, heißt das. Oder eine Woche Chaos. Ich weiß nicht, ob es vorbei sein soll. Du würdest mir fehlen. Oder, würdest du? Du fehlst mir jetzt schon. Ich vergieße zu viele Tränen, als dass ich dich nicht vermissen würde. Freitag willst du mit mir in die Stadt. Ich glaube da muss ich entscheiden, wie es weitergeht. Irgendjemand werde ich sowieso enttäuschen.

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