Dienstag, 23. August 2011

#28

Ich sehe dich nicht. Erst als ich näher komme, sehe ich dich mit dem Rücken zu mir in der Menge stehen. Ich stelle mich neben dich, sage aber nichts zu dir. Du tust es mir gleich. Die anderen Jungs necken mich  etwas und wir fangen an zu lachen. Dann wende ich mich Juli und Marc zu und fange an mit ihnen über unser neues Schulgebäude, die Räume und neuen Kurse zu reden. Es ist, als wären wir umgezogen ... nur mit unseren Klassenkameraden. Als es reinklingelt gehe ich mit Juli zum Haupteingang, den Gang entlang zu unserem Raum. Ich stelle mich an die Wand und warte bis der Lehrer uns die Tür aufschließt. Du kommst. Stellst dich neben mich. Zwischen uns sind dreisig Zentimeter Abstand. Wir sehen uns nicht an. In Mathe sitzt du hinter mir. Wir reden nicht miteinander. Mathe ist der einzige Kurs den wir heute zusammen haben. Eine Stunde. Und wir ignorieren uns. Nach der Schule steige ich in den Bus ein ohne dich eines Blickes zu würdigen. Mit Juli rede ich und mit Marc. Einige Andere setzten sich zu uns und ich spreche extra laut, damit du alles weißt. Damit du alles mitbekommst. Damit du merkst, wie gut ich ohne dich zurecht komme. Ich muss aussteigen, nehme meinen Rucksack auf eine Schulter, plapper dir ein flüchtiges "Ciao." zu, küsse dich flüchtig ohne die Augen zu schließen und steige aus. Der Abschied waren die einzigen Worte, die wir heute miteinander gewechselt haben.
Zu Hause räume ich meinen Schreibtisch auf, um mein Schulzeug ausbreiten zu können. Ich bemerke den kleinen Schieferstein den Juli mir und dir zu unserer letzten Klassenfahrt geschenkt hat. Darauf sind mit einem weißen Stein unsere Initialien aufgemalt. Man sieht sie nurnoch schwach, aber es ist erkennbar. Ich nehme den Schiefer in die Hand und mir steigen fürchterliche Tränen in die Augen. Ich vermisse dich so.

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